Drogen, Waffen, Revierkämpfe: Türkische Banden in Berlin
Veröffentlicht: Samstag, 21.02.2026 06:00

Organisierte Kriminalität
Berlin/Ankara (dpa) - Die Kugeln treffen Fensterscheiben von Bars und Türen von Restaurants in Berlin. Eine Handgranate explodiert spätnachts in einem leeren Nachtclub in Kreuzberg. Täter feuern auf das Einfamilienhaus eines wohlhabenden Vertreters der türkisch-kurdischen Szene. Immer wieder trifft es auch Menschen, die durch Schüsse verletzt werden. Das Landeskriminalamt (LKA) ist seit vorigem Jahr alarmiert: Die deutsche Hauptstadt ist Schauplatz eines Bandenkriegs, den die organisierte Kriminalität aus der Türkei nach Deutschland getragen hat.
Vor allem bei Ladenbesitzern mit türkischem Hintergrund herrscht Furcht. Berichtet wird von Drohanrufen. Wer kein «Schutzgeld» zahlt, werde bestraft, heißt es. Kaum ein Opfer geht zur Polizei.
Neue Bedrohungslage - Auftragstäter werden eingeflogen
Die Akteure aus der Türkei drängen außerdem in den lukrativen Drogenhandel. Fast jede Woche berichtet die Polizei von Gewaltvorfällen in der Parallelwelt der Revierkämpfe. Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) nannte es eine neue Bedrohungslage. «Wir sehen inzwischen rivalisierende Banden, die auf Berlins Straßen sichtbar Gewalt einsetzen, sei es durch Handgranatenwürfe auf Lokale, sei es durch Schüsse auf Menschen, Fahrzeuge und auch Gebäude», sagte sie dem Sender RBB.
2025 zählte die Polizei 543 Fälle, in denen geschossen wurde. Dazu kamen 629 Fälle von Drohungen mit einer Schusswaffe. Im Jahr 2024 waren es einige hundert Fälle weniger - 363 Mal wurde geschossen und 303 Mal gedroht.
Vor allem türkisch-kurdische Banden liefern sich diese Drohungen und Kämpfe. Dafür werden sogar gezielt Täter eingeflogen, erklärte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel kürzlich. «Sie reisen kurzfristig mit einem Touristenvisum ein und begehen dann hier Straftaten, für die sie Aufträge erhalten haben.» Sie verschwänden nach ihren Taten schnell wieder.
Banden in Istanbul mit tausend Mitgliedern
Was gerade in Deutschland und speziell Berlin Fuß fassen will, ist in der Türkei schon länger ein großes Problem: Straßenbanden der «neuen Generation», die durch Erpressung, Drogen- und Waffenschmuggel erstarkt sind, so der Journalist und Autor Osman Cakli. Darunter sind die Daltons - diesen Namen trugen eine historische Bande sowie Gangster-Brüder in den «Lucky Luke»-Comics. Bekannt sind sie für ihr brutales Vorgehen und die Rekrutierung junger Mitglieder über die Internet-Medien.
Diese Banden haben wie ähnliche Gruppierungen in Mittel- und Südamerika besonders bei jungen Männern Zulauf. Aus Gerichtsakten zu einem Prozess gegen die Daltons geht hervor, dass vornehmlich Männer von 15 bis 20 Jahren rekrutiert werden. Aber auch immer mehr junge Frauen würden Teil der Banden. Laut Cakli sollen es allein in Istanbul mit seinen gut 15 Millionen Einwohnern 1.000 bewaffnete Mitglieder sein. In einem laufenden Prozess gegen die berüchtigte Bande Casper sind rund 70 Minderjährige angeklagt.
Gangs locken mit Ruhm und Reichtum
Die Gangs lösten bei jungen Menschen aus Armenvierteln Faszination und Sehnsucht aus, sagt Cakli. Auf Tiktok präsentierten sie ein Leben, das Träume weckt: Geld, teure Autos, Waffen. Jugendliche, die sich den Banden anschließen, stammten oft aus kurdischen oder alevitischen Familien, die durch jahrzehntelange Diskriminierung an den Rand der Gesellschaft in der Türkei gedrängt wurden.
Die hohe Inflation der vergangenen Jahre habe die Situation weiter verschärft. «Drogendealer verdienen 250.000 bis 300.000 Lira im Monat», so Cakli. Das sind knapp 5.000 bis knapp 6.000 Euro. «Ein Textilarbeiter arbeitet jeden Tag 13 bis 14 Stunden in der Fabrik, ist oft nicht versichert und bekommt keinen Mindestlohn. Wenn die Kinder dieser Familien nicht gefasst werden, verdienen sie in wenigen Monaten das Einkommen von vielleicht zwei oder drei Jahren.»
Auftragsmörder per Tiktok
Zudem erhielten Minderjährige oft nur kurze Gefängnisstrafen. In diesen Kreisen sei das ohnehin eher eine Auszeichnung als ein Nachteil. Der Zugang zu den Banden ist denkbar leicht, eine Nachricht genügt: «Jemand, der unter einem Video auf Tiktok einen Kommentar hinterlässt, kann zwei Monate später als Auftragsmörder tätig werden.»
Waffen seien problemlos verfügbar. Per Tiktok könne man sich von einem Kurier für umgerechnet knapp 60 Euro eine Waffe liefern lassen, berichtet Cakli. Ein Kalaschnikow-Sturmgewehr gebe es bereits für 300 Euro.
Internationaler Drogenschmuggel nutzt Türkei
Eine zentrale Einnahmequelle der Banden ist der Drogenhandel. Die Bedeutung der Türkei im internationalen Drogengeschäft ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Dem Land verschafft das bei manchen Experten den Beinamen «das Mexiko Europas». Internationale Kartelle nutzen türkische Häfen für den Schmuggel von Kokain aus Südamerika nach Europa, um etwa schärferen Kontrollen in den Häfen von Rotterdam oder Antwerpen zu umgehen. Die Bandenviertel Istanbuls sind laut Cakli auch die Hauptumschlagplätze für die eingeschmuggelten Drogen. Die Behörden stehen den Banden weitgehend machtlos gegenüber.
Banden-Präsenz bei Beerdigung
Dass die Daltons sich auch in Berlin ausbreiten, hat laut Beobachtern zum einen mit zunehmendem Druck in der Türkei zu tun. Zum anderen gehe es um die Erschließung neuer Märkte. Berlin sei eine Metropole mit einem florierenden Drogenmarkt, zugleich seien Polizei und Justiz unterbesetzt, sagt der Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro.
«Wir sehen seit ein paar Monaten, dass die Ezgins als Ableger der sogenannten Daltons aktiver werden und die Hauptstadt als Betätigungsfeld und Absatzmarkt für sich entdeckt haben», sagt Jendro. Die Banden seien brutaler als früher. «Alle haben Schusswaffen, auch längst nicht mehr nur kleine Kaliber. Es wird reaktiv skrupellos vorgegangen, nicht lange gedroht, sondern auch sofort gehandelt.»
Tatsächlich zeigt die Bande auch öffentlich Präsenz. Bei einer prominenten Beerdigung in Berlin mit Vertretern des kriminellen Milieus im Januar trugen ein großer Kranz und eine Schleife die Aufschrift «Daltonlar».
Razzien, Kontrollen, Waffenfunde
Angesichts der ständigen Gewalt gründete das Berliner Landeskriminalamt (LKA) im November eine große Sondereinheit für die Ermittlungen. Der Name der sogenannten BAO (Besondere Aufbauorganisation) bezieht sich auf die Schusswaffen: «Ferrum» (lateinisch für «Eisen»).
Seitdem stürmen und durchsuchen Polizisten fast Nacht für Nacht Shisha-Bars und Imbisse in Kreuzberg, Schöneberg, Wedding, Charlottenburg oder Neukölln. An bekannten Treffpunkten der Szene gibt es Verkehrskontrollen. Die Polizei überprüfte Identitäten von rund 5.000 Menschen, dazu 3.000 Autos und mehr als 800 Lokale.
Die Ergebnisse: 18 beschlagnahmte Schusswaffen und 192 Patronen, 10 Schreckschusspistolen, 50 sonstige Waffen wie Messer, Baseballschläger und Elektroschocker. Die Polizei leitete 260 Ermittlungsverfahren ein, stellte 50 Verdächtige fest und ließ 12 Haftbefehle ausstellen. Die Einsätze zeigten Wirkung, betonte die Polizei, die ständige Präsenz sei ein Signal an die organisierte Kriminalität, die ihre Pistolen inzwischen lieber zu Hause lasse. Nun müsse der Druck weiter aufrechterhalten werden.





