Zivilcourage mit bitteren Folgen

Am frühen Samstagmorgen nach dem Hafenfest in der Nähe des Bahnhofs: Zwei Mädchen werden von mehreren jungen Männern belästigt. Tobi schreitet ein und zeigt Zivilcourage. Die Männer schlagen ihn daraufhin zu Boden. Sie brechen ihm unter anderem den Oberkiefer und beide Jochbeine und fliehen dann. Von den Mädchen, denen Tobi helfen wollte, fehlt bisher auch jede Spur.

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Was war passiert?

Tobi selbst hat keine Erinnerungen mehr an die Ereignisse in der Nacht nach dem Hafenfest. Nur sein Kumpel, mit dem er unterwegs war, erinnert sich noch daran, was am 1. Juni gegen 4:30 Uhr passiert ist:

Tobi und sein Kumpel wollen nach dem Feiern nach Hause. Auf dem Weg zum Zug sehen sie, wie zwei Mädchen an der Bremer Straße von vier jungen Männern bedrängt und lautstarkt angepöbelt werden. Im Vorbeigehen bittet Tobi die Männer darum, nicht so herumzuschreien und die Mädchen in Ruhe zu lassen. Einer der Männer tritt Tobi daraufhin von hinten ins Bein. Ein Schlag mit dem Ellenbogen ins Gesicht knockt Tobi endgültig aus. Auch Tobis Freund wird angegriffen, er kann sich aber verteidigen. Zwei der Männer werden dabei verletzt. Die Angreifer fliehen durch den Hamburger Tunnel. Auch die Mädchen laufen weg, ohne sich nach Tobis Zustand zu erkundigen.

Starke Verletzungen im Gesicht

Tobis Gesicht ist teilweise geschwollen, er hat viele Brüche im Gesicht. Seine Nase wurde geschient, weil das Nasenbein gebrochen ist. Die Jochbeine sind beidseitig gebrochen, die Nasennebenhöhlen ebenfalls. Der Kiefer ist linksseitig mit einer Verschiebung gebrochen. Auch die Schneidezähne sind leicht angebrochen. Hinzu kommt eine Gehirnerschütterung.

Zeugen gesucht!

Tobi und seine Lebensgefährtin suchen jetzt nach den Männern, die ihn zusammengeschlagen haben. Die beiden Mädchen haben sich bisher noch nicht als Zeugen gemeldet. Die Polizei hat keinen Zeugenaufruf gestartet. Die Begründung: Die Mädchen hätten sich schon selbst gemeldet, wenn sie an einer Zeugenaussage interessiert wären. Möglicherweise seien sie auch gar nicht in Not gewesen.

Tobi ist erschüttert. Im ANTENNE MÜNSTER-Interview sagt er:

"Ich finde das traurig. [...] In meiner Vorstellung von Moral kann ich mir das gar nicht erklären. Wenn man bei Verstand ist, muss man doch sagen 'Wir haben da was Krasses erlebt.' Gewalt ist nie etwas, was man einfach so hinnehmen sollte."

Seine Lebensgefährtin hat uns geschrieben:

"Sie [die Mädchen] ahnen vielleicht gar nicht, wie schwer Tobi zugerichtet wurde."

Seine Freundin und er suchen nun nach weiteren Zeugen. Die vier jungen Männer hätten sich zum Teil auf Russisch unterhalten. Einer der vier trug eine rot-schwarze Jacke, auf der hinten die Aufschrift "Wu-Tang Clan" stand. Zwei der Männer müssen Verletzungen im Gesicht davongetragen haben, da Tobis Kumpel sie an der Nase und am Kiefer getroffen hat.

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Wieso zeigen viele Menschen keine Zivilcourage?

Als die 12-jährige Lucia eine bewegungslose Frau in der Ems treiben sah, zeigte sie Zivilcourage und reagierte geistesgegenwärtig. Sie holte ihren Vater zur Hilfe, der wiederum einen Notruf absetzte. Leider haben viele Passanten in der Situation jedoch weggeschaut und nicht geholfen, hat das Mädchen im ANTENNE MÜNSTER-Interview berichtet. Warum ist das so?

Der Psychologe Leon Windscheid aus Münster erklärt, dass in Notfallsituationen gleich mehrere Effekte zusammenkommen:

1.) Verschiedene Experimente zeigen, dass die Hilfsbereitschaft in Gefahrensituationen davon abhängt, wie viele Menschen davon mitbekommen. Je mehr Menschen anwesend sind, desto schwieriger wird es. Das Hirn denkt:

"Wenn der Rest nicht hilft, dann muss ich auch nicht helfen. Wenn keiner hilft, warum sollte ausgerechnet ich es dann tun?"

2.) Menschen wollen Gefahrensituationen oft nicht als solche wahrnehmen.

Psychologisch sind diese Effekte zwar erwiesen, letztendlich aber nur Ausreden. Windscheid weist darauf hin, dass sich unser Gehirn anpassen lässt. Man könne sich Zivilcourage antrainieren. Auch wenn man einen Notruf absetze, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, leiste man bereits einen wichtigen Beitrag in Notfallsitationen.

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Wie kann ich mich in einer Gewaltsituation richtig verhalten?

Michael Gehringhoff ist Leiter des Jugendinformations- und Bildungszentrums in Münster. Als Experte für Gewaltprävention sagt er, dass Täter die Öffentlichkeit eher scheuen würden. Das solle man als Helfender ausnutzen. Zum einen solle man beim "Sie" bleiben, um Distanz zu wahren. Man solle dem Opfer Hilfe anbieten und versuchen, gemeinsam aus der Situation zu gehen. Zum anderen helfe es, weitere Personen zum aktiven Handeln aufzufordern, um sich nicht alleine in Gefahr zu bringen.

Auch als Opfer gibt es verschiedene Handlungsmöglichkeiten - je nach Situation. Gehringhoff schlägt eine eher ungewöhnliche Maßnahme vor: Man könne beispielsweise Übelkeit vortäuschen - niemand möchte mit Erbrochenem in Berührung kommen - und sich somit langsam aus der Situation entfernen. Der Psychologe Leon Windscheid schlägt außerdem vor, sich eine ganz konkrete Person aus der Menge herauszupicken. So umgehe man die Gefahr, dass sich niemand verantwortlich fühlt. Dieser Person solle man die volle Verantwortung übertragen und deutlich machen, dass man ganz dringend ihre Hilfe benötigt.

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