
Durchbruch im Kampf gegen Alzheimer
Dem Münsteraner Biophysiker Klaus Gerwert ist ein Erfolg im Kampf gegen Alzheimer gelungen. Gerwert hat einen Bluttest entwickelt, der das Alzheimer-Risiko präzise vorhersagen kann.
Veröffentlicht: Donnerstag, 02.11.2023 05:27
Es beginnt mit Gedächtnis- und Erinnerungslücken und es weitet sich aus zu einer verheerenden Krankheit, bei der man sein eigenes „Ich“ verliert: Die Rede ist von der Alzheimer-Krankheit. Das Problem ist, dass diese Krankheit viele Jahre unerkannt im Gehirn fortschreiten kann, bis sich erste Symptome zeigen. Ein Wissenschaftler aus Münster ist aber jetzt einer kleinen - vielleicht eher sogar großen Sensation - ganz nahe. Er hat einen Frühtest entwickelt, der die Krankheit bis zu 17 Jahre vor Ausbruch vorhersagen kann.
Biophysiker Klaus Gerwert hat in der ANTENNE MÜNSTER-Morningshow (02.11.) mit uns über seine Forschung gesprochen:
Prof. Gerwert: Demenz behandeln, bevor sie ausbricht
Professor Klaus Gerwert ist Biophysiker, lebt in Münster und arbeitet an der Ruhr-Universität in Bochum. Alzheimer schon so früh vor den eigentlichen Symptomen zu erkennen, das wäre ein Meilenstein in der Bekämpfung der Krankheit. Und zwar deshalb, sagt Gerwert, weil es nach langer Zeit endlich Medikamente gibt, die man einsetzen kann:
"In den vergangenen Jahren hat sich die Medikamentenforschung rasend schnell entwickelt"
sagt Gerwert. Ein erstes Medikament (Aducanumab) ist bereits in den USA zugelassen, zwei weitere (Lacanemab und Donanemab) sollen folgen. Der Professor rechnet damit, dass diese Mittel bald auch in Europa zugelassen werden. Allerdings sind die neuen Medikamente vor allem wegen ihrer Nebenwirkungen bei uns noch umstritten. Ihr Einsatz müsse in der Therapie abgewogen werden, sagt Gerwert. Außerdem sind sie sehr teuer. Positiv sei aber, dass diese Medikamente insbesondere in sehr frühen Krankheitsstadien die Krankheit teilweise sogar stoppen könnten.
Einfacher Bluttest beim Hausarzt
In drei Jahren will Gerwert mit Hilfe eines eigens gegründeten Unternehmens "betaSense" den Alzheimer-Frühtest marktreif machen. Er könnte sogar auf vergleichbare Krankheiten wie Parkinson oder ALS ausgeweitet werden. Der Früh-Test könnte dann etwa allen über 60-jährigen angeboten und von der Krankenkasse bezahlt werden. Es reicht der Gang zum Hausarzt, der eine Blutprobe abgibt, die anschließend ins Labor geschickt wird. Das Ergebnis bespricht der Patient dann wiederum mit seinem Hausarzt, der eine Therapie einleiten kann, wenn die Frühdiagnose "Alzheimer" tatsächlich kommen sollte.
Innovationspreis NRW
Professor Klaus Gerwert aus Münster wurde für seiner Forschung zu Demenz und Alzheimer jüngst sogar mit dem Innovationspreis NRW ausgezeichnet. Nach dem Zukunftspreis des Bundespräsidenten ist das die höchstdotierte Auszeichnung dieser Art in Deutschland. Gerwert hat in Münster Physik studiert und 1985 in biophysikalischer Chemie in Freiburg promoviert. Er war von 2009 bis 2014 Direktor am Max-Planck-Partnerinstitut in Shanghai und arbeitet seitdem an der Ruhruniversität in Bochum. Er ist auch Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Demenzwelle rollt auf Europa zu
Demenz ist der Oberbegriff für sogenannte neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder ALS. Bei allen gemeinsam ist, dass die Gehirnleistung dauerhaft geschädigt wird. Verursacher sind oft Proteinablagerungen (Plagues) im Gehirn, die die Kommunikation zwischen den Nervenzellen stören. Alzheimer ist die häufigste Erkrankung. In Deutschland gibt es schätzungsweise eine Million Menschen, die betroffen sind. Aufgrund der demographischen Entwicklung steigen die Zahlen.
