Ärztekammer Westfalen-Lippe fordert Kinderschutzbeauftragten für NRW

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe forderte das Land NRW in ihrer Sitzung am Wochenende dazu auf, einen Kinderschutzbeauftragten zu engagieren. Es müsse in Nordrhein-Westfalen eine unabhängige Stelle geben, an die sich jeder Bürger auch anonym bei einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch wenden kann.

© Ärztekammer Westfalen-Lippe

Der NRW-Kinderbeauftragte soll auf institutioneller Ebene für das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie Kinderpornographie sensibilisieren und die vom Jugendamt bestehenden Hilfsangebote stärker miteinander vernetzen. Die Ärztekammer sieht bei der Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern noch erheblichen Handlungsbedarf.

„Lügde, Bergisch Gladbach und jetzt Münster, die Zahl der entdeckten Fälle von oft jahrelangem sexuellem Missbrauch von Kindern nimmt zu“, sagte Kammerpräsident Dr. Hans-Albert Gehle. Kindesmisshandlung und kinderpornografisches Material gebe es in allen sozialen Verhältnissen. Inzwischen verbreiteten nicht nur Erwachsene aller Bevölkerungsschichten, sondern auch immer mehr Kinder und Jugendliche über ihre Smartphones kinderpornografisches Material.

Trotz Bundeskinderschutzgesetz und der Einrichtung sogenannter Frühwarnsysteme in allen Bundesländern hätten Kinder noch immer keine verfassungsrechtlich gesicherten Rechte. Elternrecht gehe immer noch vor Kinderrecht, kritisiert die Ärztekammer. „Die Ärztekammer Westfalen-Lippe sieht Kinderschutz in der Priorität vor dem Elternrecht, vor Datenschutz und grenzenlos pädagogischem Optimismus“, so Gehle. Auch der Opferschutz müsse Vorrang vor dem Täterschutz haben.

Konkrete Forderungen an die Politik

Der Verband plädiert einstimmig für eine "konzentrierte Aktion Kinderschutz". Konkret hat die Ärztekammer auf ihrer Versammlung am Samstag in Münster folgende Forderungen formuliert:

  1. Wir fordern auf Landesebene einen Beauftragten für den Kinderschutz, der auf institutioneller Ebene alle Möglichkeiten der Prävention und Sensibilisierung für das Thema „Sexueller Missbrauch von Kindern und Kinderpornografie“ nutzt und die neben dem Jugendamt bestehenden Hilfeangebote stärker miteinander vernetzt und ihren Bekanntheitsgrad erhöht. Es muss in Nordrhein-Westfalen eine unabhängige Stelle geben, an die sich jeder Bürger auch anonym bei einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch wenden kann.
  2. Wir fordern für jedes Jugendamt einen 24 Stunden erreichbaren Ansprechpartner, der im Vorfeld, ohne die Polizei einzuschalten, Verdachtsfälle prüft.  
  3. Kinderschutz muss auch unserer Meinung nach Priorität vor dem Elternrecht, vor Datenschutz und grenzenlos pädagogischen Optimismus haben. Dafür wird die Ärztekammer Westfalen-Lippe zusammen mit der Akademie berufsgruppenübergreifend mehr Pflichtfortbildungen zum Thema Kindeswohlgefährdung und Kindesmisshandlung anbieten. Hierdurch soll die Zusammenarbeit vom Gesundheitswesen mit Jugendhilfe, Kindergärten, Schulen, Sportvereinen, Behinderteneinrichtungen gefördert werden.
  4. Kinderschutz muss auch verpflichtender Inhalt der neuen Weiterbildungsordnung für alle Arztgruppen werden, die sich mit der Versorgung von Kindern und Jugendlichen und deren Eltern beschäftigen.
  5. Wir fordern Aufnahme der Kinderrechte in das Grundgesetz und Unterstützung der medizinischen Fachgesellschaften (steht im Koalitionsvertrag 2018, sollte bis Ende 2019 verabschiedet sein).
  6. Wir brauchen eine einprägsame öffentlichkeitswirksame Aktion, um das Umfeld, in dem sich Kinder regelmäßig bewegen, wie z.B. Nachbarn, Kitas, Schulen oder Sportvereine, stärker für die Anzeichen sexuellen Missbrauchs zu sensibilisieren und darauf hinzuweisen, wann man an Kindesmissbrauch denken muss.
  7. Der Digitalpakt für Schulen darf nicht dazu führen, dass Kinder- und Internetpornografie in Schulen und Bildungseinrichtungen für die Schüler dort verfügbar sind. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass hoher Pornografiekonsum den Konsum von Kinderpornografie und sexuelle Übergriffe an Kindern fördert.

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