2.035 Katholiken treten aus der Kirche aus

„Die erneut deutlich gestiegenen Austrittszahlen machen deutlich, dass wir viele Menschen ganz offensichtlich nicht mehr erreichen.“ Stadtdechant Jörg Hagemann geben die regionalen Zahlen der kirchlichen Jahresstatistik, die das Bistum Münster am 26. Juni veröffentlicht hat, zu denken. Auch wenn er einen Anstieg der Austrittszahlen erwartet hat, erschrecken ihn die tatsächlichen Zahlen doch. 2.035 Menschen haben 2019 im Stadtdekanat Münster die katholische Kirche verlassen. Das sind 599 mehr als 2018.

© Bischöfliche Pressestelle/Ann-Christin Ladermann

Laut Statistik lag die Katholikenzahl im Stadtdekanat Ende des vergangenen Jahres bei 140.960 (2018: 143.244). Mit 11.942 ist der Anteil derer, die den Gottesdienst besuchen, im Vergleich zum Vorjahr (2018: 11.910) ungefähr gleich geblieben.

986 Menschen wurden durch die Taufe in die Kirche aufgenommen – 136 weniger als im Jahr zuvor. Mit 967 Erstkommunionkindern ist diese Zahl im Stadtdekanat Münster im Vergleich (2018: 974) nahezu unverändert. Die Zahl der Firmungen stieg um 63 auf 645 im Jahr 2019. Nur gering zurückgegangen ist die Zahl der kirchlichen Trauungen von 289 in 2018 auf 281 in 2019. Weniger geworden sind auch die Beisetzungen mit 1.197 in 2019 im Vergleich zu 1.301 im Vorjahr. Neun Personen aus dem Stadtdekanat sind 2019 in die katholische Kirche eingetreten (2018: 25). 43 erklärten ihre Wiederaufnahme nach einem früheren Austritt (2018: 40).

„Wir erleben den notwendigen Übergang zu einer neuen Gestalt von Kirche“, erklärt Stadtdechant Hagemann mit Blick auf die Zahlen. Viele Menschen würden sich abwenden, wütend und enttäuscht über die ans Licht gekommenen Missbrauchsfälle. Auch persönliche negative Begegnungen und Erfahrungen in kirchlichen Zusammenhängen seien nicht selten ein Austrittsgrund, weiß Hagemann aus Gesprächen. Hinzu komme, dass sich die katholische Kirche in Deutschland angesichts der vielen Diskussionen um innerkirchliche Reformfragen zerrissen und oftmals uneins darstelle.

„Wir müssen neue Wege finden, wie wir die Menschen erreichen, sie begleiten und ihnen nahe sein können“, sagt Hagemann. Dazu sei es entscheidend, die Erwartungen und Sorgen der Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche ernst zu nehmen. Die Zahlen seien gleichzeitig ein Ansporn dafür, die Herausforderung mutig und entschlossen anzugehen: „Wir müssen glaubhafter handeln, eine verständlichere Sprache sprechen und den unterschiedlichen Lebenswelten der Menschen gerecht werden, damit wir die Hoffnung des Glaubens überzeugend weitergeben können.“

Für Bischof Felix Genn ist klar: "Wir haben an Relevanz für die Menschen verloren"© Bischöfliche Pressestelle
Für Bischof Felix Genn ist klar: "Wir haben an Relevanz für die Menschen verloren"
© Bischöfliche Pressestelle

Bischof Genn: "Kirche hat an Relevanz verloren"

Der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, erklärt zu den Zahlen:

„Die Zahlen, die wir jetzt vorliegen haben, sind auf dem Hintergrund der Situation im vergangenen Jahr beziehungsweise den beiden vergangenen Jahre 2018 und 2019 zu lesen. Mittlerweile hat sich durch die Corona-Krise die Situation noch einmal völlig verändert, so dass es erst recht schwierig ist, eine Erklärung zu geben, warum im Jahre 2019 die Zahl der Kirchenaustritte auf einen solch hohen Stand gestiegen ist. Eines ist klar: Sowohl vor wie auch nach Corona erleben wir in Deutschland den Übergang zu einer neuen Gestalt von Kirche.

Ich kann nur vermuten, was die Menschen auch 2019 bewegt hat, ihren Kirchenaustritt zu erklären: Es hat sicherlich immer noch mit dem Bekanntwerden von Verbrechen sexuellen Missbrauchs und dem Umgang damit, vor allem mit den verletzten Personen, von Seiten der kirchlichen Verantwortungsträger zu tun. Außerdem stellt sich die Kirche in unserem Land angesichts der vielen Diskussionen um innerkirchliche Reformfragen sehr zerrissen und nicht in großer Einigkeit dar.

Für viele Menschen spielen die Gemeinschaft der Kirche und das, was sie an Verkündigungsgehalt zu bieten hat, einfach keine Rolle mehr. Für ein gutes und gelingendes Leben erscheint vielen Kirche verzichtbar und nicht mehr relevant. Umso mehr kann ich nur wiederholen, was ich auch in den zurückliegenden Jahren gesagt habe: Wie können wir Menschen überzeugen, dass der Glaube an Jesus Christus und Glauben in Gemeinschaft das Leben bereichern? Es gibt, auch wenn die Austrittszahlen weiter hoch bleiben sollten, nur einen Weg: Die Menschen müssen erfahren, dass wir als Christinnen und Christen gerne für sie da sind. Wir sind nicht von gestern, sondern stehen mitten in dieser Welt. Und dabei sind wir mit Tat und Wort gerade für diejenigen da, die es in unserer Gesellschaft schwer haben. Wir müssen uns noch deutlicher einsetzen gegen Egoismus und für Solidarität, für ein neues Verhältnis von Mensch und Schöpfung. Ich möchte noch hinzufügen, dass es uns wichtig ist, Menschen zu zeigen: Als Christinnen und Christen verteidigen wir die Menschenwürde; wir möchten Fürsorge statt Selbstsorge, Wohlbefinden statt Wohlstand; wir leben die frohe Botschaft Jesu Christi und bringen die Menschen in Beziehung zu Ihm. Nur ein wirklichkeitsfremder Traum? Sicher ist die Wirklichkeit oft eine andere.

Ich möchte die traurig machenden Zahlen und den historischen Einschnitt durch die Corona-Pandemie als Ansporn verstehen, mutig und entschlossen all das anzugehen und zu ändern, was wir ändern können, und die Botschaft klarer hervortreten zu lassen. Dazu lade ich meine Schwestern und Brüder im Glauben in der Kirche ein, diesen Traum zu leben und uns selbst von der Botschaft Jesu verändern zu lassen, nicht um unserer selbst willen, sondern um dessen willen, der als Erlöser aller Menschen in die Welt gekommen ist und das Zentrum unseres Glaubens und allen kirchlichen Lebens darstellt.“

© Bischöfliche Pressestelle/Maria Bäumer

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